Leseprobe
Listen meines Lebens
Von Tricia Word
Ein autobiografischer Roman über Beziehungen, Selbstverlust und Wiederfinden.
Prolog — Gegenwart: 35 Jahre

Manche Menschen schreiben Tagebuch.
Ich schreibe Listen.

Es gibt sie auf Servietten, in Notizen-Apps, auf Briefumschlägen. Ich habe Listen über Männer. Listen über To-dos. Listen über Menschen, die ich loslassen musste. Listen, was ich mir mit 8 gewünscht habe. Mit 16 erträumt habe. Mit 25 dachte, längst erreicht zu haben.

Heute bin ich 35. Mein Laptop ist aufgeklappt. Die Sonne scheint, so wie sie manchmal scheint, wenn drinnen alles dunkel ist. Und da ist sie wieder, diese Liste:
Was mir bleibt.
Was ich gelernt habe.
Was ich nie wieder tue.
Was ich noch nicht geschafft habe.

Ich blättere zurück. Nicht in einem Notizbuch. Sondern in mir.

Und ich merke: Manche Dinge habe ich nie wirklich aufgeschrieben. Nur überlebt.

Einleitung — Oktober 2025

Ich sitze hier und versuche, mein Leben aufzuschreiben. Oder vielleicht eher: Ich versuche zu verstehen, wie ich geworden bin, wer ich bin. Memoiren mit 35? Fair. Für viele bin ich wahrscheinlich noch jung, vielleicht sogar „zu jung" für so ein Buch. Ich weiß … ich bin nicht berühmt. Nicht verheiratet. Nicht „angekommen".

Ich bin einfach nur … ich. Summer. Und ironischerweise hasse ich den Sommer.

Ich bin die Jüngste von drei Schwestern: April. Autumn. Und ich. Meine Eltern kamen aus Ghana und Nigeria nach Österreich. Und ich bin irgendwo dazwischen aufgewachsen. Zwischen Kulturen, Sprachen und Erwartungen. Zwischen dem Gefühl, irgendwo dazuzugehören und gleichzeitig nicht ganz.

Aber wenn ich ehrlich bin: Das ist nicht die Geschichte, die ich erzählen will. Sie steht nicht im Mittelpunkt. Ich habe mich nie vollständig über meine Herkunft oder Hautfarbe definiert. Wenn andere das tun, ist das ihr Thema, nicht meines. Denn das, was mich wirklich geprägt und definiert hat, ist etwas anderes.

Listen. Ja, Listen.

Ich schreibe Listen, seit ich denken kann.
Listen, wenn ich überfordert bin.
Listen, wenn ich traurig bin.
Listen, wenn ich Hoffnung brauche.

Bucket Lists. To-do-Listen. Playlists für jede Stimmung. Ich habe mein Leben nicht einfach gelebt. Ich habe versucht, es zu sortieren. Ich habe sie schon geschrieben, da wusste ich noch nicht mal, wie man „strukturiert" buchstabiert.

Ich gab ein Interview vor ein paar Jahren. Der Interviewer fragte mich: „Wie behalten Sie eigentlich den Überblick?" Ich lachte. Und dachte: Vielleicht ist genau das meine Antwort. Meine Methode.

Meine Listen sind mein System. Meine Art das Leben zu sortieren, zu greifen und zu verstehen. Mein Kompass. Und dieses Buch? Es ist meine Karte.

Keine perfekte Geschichte. Sondern eine Sammlung von Momenten, Gedanken und Entscheidungen. Eine Reise erzählt über Listen und Playlists. Es geht nicht darum, was ich gemacht habe, sondern wie ich gedacht habe. Wie ich mich selbst immer wieder motiviert, herausgefordert und strukturiert habe.

Vielleicht erkennst du dich in manchen Abschnitten wieder. Vielleicht inspirieren dich ein paar Ideen. Vielleicht liest du einfach nur eine ungewöhnliche Geschichte mit einer guten Playlist. Vielleicht auch nicht.

Aber egal, warum du hier bist:

Willkommen in meinem Kopf.

Interlude — Musik als Sprache

„Music is the soundtrack of your life." — Dick Clark

Musik war nie nur Hintergrund. Sie war immer da. Nicht laut. Nicht aufdringlich. Aber konstant. Ich glaube, jeder Mensch hat etwas, das ihn durch das Leben begleitet. Für manche ist es Sport. Für andere Schreiben. Für mich … war es immer Musik. Und irgendwann wurde sie mehr als nur Begleitung. Sie wurde mein System.

Als Kind begann alles klassisch. Flöte. Dann Klavier. Noten lesen. Rhythmen verstehen. Später kam mehr dazu. Ich sang im Gospelchor. Stand auf Bühnen. Spürte zum ersten Mal, wie es ist, gehört zu werden. Ich tanzte und bewegte mich zur Musik. Körper und Klang im Einklang. Ohne es zu wissen, lernte ich damals etwas, das mich mein ganzes Leben begleiten würde: Gefühle ausdrücken, ohne sie erklären zu müssen.

Musik war auch ein Teil meiner Herkunft. Ein Teil meiner Identität. Ein unsichtbares Band zu dem, wo ich herkomme. Meine Eltern und vor allem mein Onkel förderten meine Cousine und mich. Und rückblickend sehe ich: Diese Momente haben etwas in mir aufgebaut. Selbstbewusstsein. Präsenz. Das Gefühl, Raum einnehmen zu dürfen. Vielleicht war das meine erste Bühne. Noch bevor ich wusste, dass ich mein Leben später bewusst gestalten würde.

Mit der Zeit wurde Musik … tiefer. Ich hörte nicht mehr nur Songs. Ich begann, sie zu verstehen. Die Beats. Die Instrumente. Die Pausen dazwischen. Die Texte. Die Geschichten zwischen den Zeilen. Und vor allem: die Emotion dahinter. Nicht nur was gesagt wird. Sondern wie.

Und irgendwann begann ich, Musik bewusst zu nutzen. Nicht nur zum Hören. Sondern zum Fühlen. Zum Verarbeiten. Zum Sortieren. Während ich Listen schrieb, lief Musik. Während ich Entscheidungen traf, lief Musik. Während ich zerbrach, lief Musik. Und ohne dass ich es bewusst geplant hatte, entstand etwas: Playlists. Für Phasen. Für Gefühle. Für Versionen von mir selbst. Sie wurden zu Markern meines Lebens. Wenn ich heute zurückblicke, erinnere ich mich nicht nur an Momente. Ich höre sie.

Musik wurde meine Sprache, wenn Worte nicht gereicht haben. In jeder Phase meines Lebens gab es einen Soundtrack. Einen Song, der genau das gesagt hat, was ich selbst nicht ausdrücken konnte. In schweren Zeiten war sie Halt. In schönen Zeiten Verstärkung. Und manchmal … war sie einfach da. Ohne etwas zu wollen.

In meinen Augen hat Musik eine besondere Fähigkeit: Sie verbindet. Unabhängig von Sprache. Von Herkunft. Von Geschichte. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie mich nie verlassen hat.

Dieses Buch besteht aus Erinnerungen. Aber auch aus Klängen. Aus Songs, die mich begleitet haben, als ich mich selbst nicht halten konnte. Und aus Playlists, die mir geholfen haben, mein Leben zu strukturieren, als alles chaotisch war.

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich nicht nur mein Leben. Ich höre es. Deshalb will dieses Buch nicht nur gelesen, sondern auch gehört werden. Und vielleicht … hörst du beim Lesen dein eigenes.

Playlist zum Kapitel
  • Whitney Houston & Mariah Carey — When You Believe
  • Miley Cyrus — Can't Be Tamed
  • Julia Michaels — Anxiety
  • Halle — Angel
  • Bruno Mars — Just the Way You Are
  • Viigo — Beautiful
  • Usher — Burn
Die Grundlagen

„Manche wachsen in eine Welt hinein. Ich habe mir meine gebaut."

Meine erste Liste war keine, die ich aufgeschrieben habe. Ich habe sie in meinem Kopf erstellt. Ich war vier Jahre alt. Und mein Ziel war klar: Mit fünf in die Schule gehen.

Klingt klein. War es nicht. Ich wollte dazugehören. Zwei ältere Schwestern. Schulgeschichten. Hausaufgaben. Und ich mittendrin. Ich wollte nicht warten. Ich wollte anfangen. Also brachte ich mir das Lesen bei. Buchstaben. Wörter. Sätze. Nicht, weil jemand es von mir verlangt hat. Sondern weil es auf meiner Liste stand.

Ich.
Will.
In.
Die.
Schule.

Und das war sie: Meine erste mentale Liste. Sie wurde zum Erfolgserlebnis. Und mein erster Beweis: Ich kann mein Leben selbst beeinflussen.

Teil I — The Princess Is Born (0–16)

Kapitel 1 — „Wannabe" oder „Complicated"

Mit fünf in die Schule gehen. Ich glaube, ich war nie einfach nur „die Kleine". Ich war die, die zu früh da war. Zu früh laut. Zu früh wach. Zu früh ich.

Und vielleicht beginnt genau da alles. Wenn man in eine Welt geworfen wird, für die man noch gar nicht gedacht ist. Ich war oft die Jüngste in der Klasse. Später auch oft die Lauteste. Vielleicht, weil ich das Gefühl hatte, ich müsste etwas ausgleichen. Größe. Sicherheit. Zugehörigkeit.

Ich hatte meinen eigenen Kopf, immer schon. Als Jüngste von drei Mädchen wird man schnell in Rollen gedrängt. „Süß". „Ruhig". „Brav".

Ich war … naja. Ich war nicht brav. Ich war willensstark. Ich war laut, wenn es nötig war. Und manchmal auch, wenn es nicht nötig war. Ich war Summer.

Geboren am 10.10.1990. Wie cool ist das bitte? Schon als Kind fand ich, dass das nach etwas Besonderem klingt. Nach jemandem, der nicht zufällig hier ist.

Meine Schwestern: April, geboren im April. Autumn, im September. Und ich? Summer.

Ironisch, denn ich liebe den Herbst und hasse Hitze. Ich mochte schon immer das Leiser werden. Das Rascheln. Das Dazwischen. Aber gut, „Oktober" als Vorname hätte sich komisch angehört. Und „Winter" war wohl einfach schon vergeben.

Dazu kommen meine ghanaischen Namen, die mehr über mich erzählen als so mancher Lebenslauf:
Enyonam — bedeutet gut für dich
Akua — geboren an einem Mittwoch
Mansa — das dritte Mädchen

Vier Namen. Vier Bedeutungen. Und irgendwo dazwischen: ich.

Ich wurde geboren als Tochter von Scarlett und Frank, zwei Menschen mit starken Werten, klaren Vorstellungen und dem Mut, in ein fremdes Land zu gehen. Ich habe das damals nicht verstanden. Aber ich habe es gespürt. Dieses Anderssein, das nicht ausgesprochen wird, aber immer im Raum steht.

Das alles prägt. Natürlich. Aber wer ich wirklich bin, wurde nie nur durch große Ereignisse geformt. Sondern durch kleine Momente. Durch Gedanken, die ich nicht laut aussprechen konnte. Durch mentale Checklisten. Durch Etappenziele, die niemand außer mir kannte. Und durch Musik.

Meine Kindheit hatte einen Soundtrack. Vielleicht kein Album, das du auf Spotify findest, aber für mich ist er glasklar. Die Lieder, die liefen, während ich mit Lego spielte. Während ich Welten baute, in denen alles Sinn ergab. Die Musik aus dem Radio, als ich zum ersten Mal dachte: Vielleicht werde ich Architektin und kann mir mein Leben einfach selbst bauen.

Oder die Songs, die ich heimlich auf Kassette aufgenommen habe, nachts, wenn alle schliefen, als wäre ich Teil von etwas Größerem, nur ich und diese leisen Stimmen aus dem Radio.

Ich habe diese Momente sortiert. Genau wie meine Gedanken.
In Listen.
In Ordnung.
In Struktur.

Weil die Welt manchmal chaotisch war. Und ich das Gegenteil davon brauchte. Ich wollte stark sein. Selbstbewusst. Laut, aber mit Gefühl. Ich war auf der Suche nach mir selbst, nach Zugehörigkeit, nach einem Gefühl von „genug".

Liste Nr. 1 — Einschulung (5 Jahre alt)
  • Lesen lernen
  • Größer wirken
  • Beste Freundin finden
  • Immer brav sein
  • Buntstifte mit Namen beschriften
  • Nie auffallen

Spoiler: Ich bin in fast allem gescheitert, außer im Lesen.

Neugierig, wie die Geschichte weitergeht?